Mobbing

Intervention an einer Oberstufenklasse

Ausgangslage
Nach dem Start der 7. Klasse zeigten sich grosse Schwierigkeiten mit einem Mäd­chen, das viel Unruhe und eine negative Stimmung in das gesamte Klassengefüge einbrachte – Mobbing­tendenzen wurden wahrgenommen. Das betreffende Mädchen wechselte im Dezember den Schulort – die schlechte Stimmung und die Me­chanis­men blieben innerhalb der Klasse zurü
ck.
Zunehmend richteten sich negative Äusserungen und massive, verbale Angriffe (direkt im Schul­alltag und via Facebook/ Chat) gegen ein anderes Mädchen der Klasse, das seit Beginn eher als Aussen­seiterin galt.
Anfänglich äusserten sich vor allem einige Knaben negativ ihr gegenüber, später schlossen sich einige Mädchen und weitere Schüler und Schülerinnen aus dem Schulhaus der Gruppe an. Das betroffene Mädchen wurde vorübergehend in einer Nachbarklasse unterge­bracht, da die Situation kaum mehr tragbar war. Dem Mädchen war es sehr wohl in der neuen Klasse und es fiel ihr schwer, in ihre Stammklasse zurück­zukehren. Zunehmende gegenseitige Ablehnung, Frust und Unsicherheit prägten die Situation, schlechte Stimmung und Enttäuschung machten sich breit.

Zielsetzung
Den Jugendlichen wird ein Spiegel zu ihrem aktuellen Verhalten und den Mechanismen ihres Umgangs untereinander vorgehalten. Dies gibt ihnen die Möglichkeit, diese zu überprüfen, zu ver­handeln und zu verändern. Im Rahmen der Intervention muss aufgezeigt werden, dass die gewähl­ten Strategien nicht tragbar sind und längerfristig für Opfer und Täter eine Sackgasse sind. Parallel dazu sollen die Selbst- und Sozialkompetenzen der Jugendlichen gestärkt, entsprechend der Situation alternative und angepasste Handlungsmöglichkeiten erprobt und eingeübt werden. Im Rahmen der Intervention soll das Mädchen wenn möglich wieder in die angestammte Klasse integriert werden.

Intervention
Die Jugendlichen konnten trotz anfänglich grosser Skepsis schnell in die Arbeitsweise mit TZT® einsteigen. Nach einem behutsamen Einstieg erarbeitete die Klasse Bilder (Aussagen) aus verschiedenen Perspektiven zum Thema: So werden wir als Klasse wahrgenommen.
Diese Arbeit bot die Grundlage dazu, von der Klassen- auf die persönliche Ebene zu wechseln. Wie gehe ich mit Dir um, durch welche Motive lasse ich mich leiten, was sind meine Erwartungen, was meine Enttäuschungen? waren die Fragestellungen für den zweiten Teil der Intervention.

Im dritten Arbeitsblock lagen die Schwerpunkte bei den Themen Vertrauen und sich exponieren ... ich nehme Stellung zu dem, was in der Klasse passiert. Ganz offensichtlich genossen es die Jugendlichen, sich mit diesen Themen auseinander zu setzen. Im szenischen Spiel übten sie sich im Stellung nehmen.

Innerhalb der 4. Einheit wurden die gelernten Techniken und Erfahrungen vertieft. In Gruppen erarbeiteten die Jugendlichen einerseits zukünftige Verhaltensweisen, die zu einem klasseneigenen Verhaltenskodex zusammengestellt wurden und andererseits ver­schiedene Anfangssequenzen mit den Inhalten Vertrauen und sich exponieren für die kommenden Wochen, die sie selber anleiten und durchführen werden.

Fazit
Das Mädchen konnte sich nach kleineren Startschwierigkeiten und einem grösseren „Fauxpas“ während der Intervention gut in die Klasse einbringen und integrieren. Im Ver­laufe der Intervention wurden verschiedenste Konflikte angesprochen und ausgeräumt. Die Situation hat sich beruhigt und entspannt.

Die Arbeit in der Klasse und mit den Lehrpersonen zusammen war trotz oder gerade we­gen der schwierigen Ausgangslage aus meiner Sicht sehr spannend und vielfältig. Ich war beeindruckt von der grossen Spielfreude der Jugendlichen und ihrem Willen, sich mit dem Thema auseinander zu setzen und etwas verändern zu wollen, gleichzeitig auch von dem grossen Engage­ment der Lehrpersonen und der Schulsozialarbeit für die Klasse.

Der Balance zwischen dem Verhindern von schwierigen Situationen und dem sich be­währen können in schwierigen Situationen der Jugendlichen wird sicherlich auch in Zu­kunft ein Augenmerk der Lehrpersonen erfordern. Die klasseneigenen Ressourcen und Fähigkeiten gilt es weiterhin wahrzunehmen und auf- und auszubauen.

Ganz speziell gefreut hat mich die Rückmeldung der beiden Lehrpersonen kurz vor den Sommer­ferien, dass die Klasse in ihrem sozialen Umgang enorme Fortschritte gemacht und kaum mehr wiederzuerkennen sei.

Dieses Projekt wurde im Frühling 2013 von Hänsu Kaufmann in einer Agglomerationsgemeinde der Stadt Bern durchgeführt.